Sebastiani-Wallfahrt

Die Verehrung des Heiligen Sebastian hat in Haisterkirch Wurzeln geschlagen. Seit 1741 steht oberhalb von Haisterkirch die Sebastians-Kapelle.

Die heiligen Orte und Traditionen sind ein Schatz christlicher Spiritualität in der Region. Es ist eine Herausforderungen, in suchender Sprache deren Bedeutung zu erkunden - und sie schlüssig mit den subjektiven Erfahrungen von Menschen in Kontakt zu bringen.

Bericht aus der Schwäbischen Zeitung (22.01.25)

Auszug Festpredigt am 20. Januar 2025 in Haisterkirch:

Was macht ein:e Wallfahrer:in? Er oder sie ruft an. Wir sprechen von „anrufen“ und meinen das Gebet zu den Heiligen. Etwa die Anrufung des Heiligen Sebastians zum Schutz vor Viehseuchen. Daraus ist über die Zeit hinweg mehr geworden; wie ich in einem alten Zeitungsartikel gelesen: aus der ursprünglichen Bitte der Landwirte, um Schutz des Viehs ist die allgemeine Bitte um Schutz vor Krankheit und Seuchen geworden. Denn, so sagt einer im Dialekt: „Schada tut’s den anderen au id“.

Schaden, das ist häufig ein Motiv für Wallfahrten. Menschen erleben sich zu allen Zeiten als gefährdet, erleben, dass ihr Leben bedroht ist und Schaden droht. Stellen wir uns einen Wallfahrer zu Zeiten des 30-jährigen Kriegs vor, in denen die Sebastians-Wallfahrt hier entstanden ist. Nennen wir ihn Josef, Sepp. Sepp lebt mit seiner Familie auf einem kleinen Hof, er hat viele Mäuler zu stopfen; wenn jemand krank ist oder die Frau schwanger, dann sind alle in Alarmstimmung; wenn ein Tier erkrankt, dann droht Gefahr. Sepp erlebt sein Leben und das Leben seiner Familie als gefährdet; er sucht Halt – und er findet ihn in der Wallfahrt, wenn er an Sebastiani gemeinsam mit Gleichgesinnten um Gesundheit betet, ja zuweilen fleht.

Und heute? Gesundheitssystem, Versicherungen. Wir sind abgesichert – vermeintlich abgesichert – und erleben doch, wir brüchig das Leben sein kann. Die eine bekommt zahlreiche Gaben in die Wiege gelegt, der andere erbt Krankheit und Schwermut; der eine hat eine Mutter, die ihn liebt, die andere einen Vater, der sie links liegen lässt. Der eine kriegt einen klugen Kopf, der andere ein schwaches Herz. Was heute ist, kann morgen anders sein. Und alle Gaben sind allem Streben zum Trotz nur Gaben auf Zeit. Kurz: das Leben kann brüchig sein.

Wallfahrt ist der Ausdruck des Gefährdet-Seins. Wer sich unterwegs macht, sehnt sich nach heilem, ganzem Leben. Deshalb gehen Wallfahrer nach draußen; sie unterbrechen den Alltag, sie gehen – und sie erleben zuweilen das, was ich vorhin schon gesagt habe: Wenn ich gehe, dann geht etwas.

Dann geht manchmal etwas voran; dann kommt manchmal etwas in Bewegung und dann kann es vorkommen, dass am Ziel – am Ort der Wallfahrt – Geist und Herz offen sind für die geheimnisvolle Wirklichkeit, die wir Gott nennen.  

Wie lässt es sich beschreiben – dieses Geheimnis an Wallfahrtsorten? Ich mach dazu einen Ausflug in eine unserer Schwesterkirche. Mich beeindrucken die Bilder aus den orthodoxen Kirchen.

Ikonen heißen sie. Bilder des Göttlichen sind sie. Durch sie scheint, so glauben orthodoxe Christen, die göttliche Welt hindurch. So stelle ich mir auch das Leben von Heiligen vor: keine perfekten Menschen, sondern Menschen mit Kratzern, die auch mal auf die Nase fallen und sich wieder aufrappeln. Sie trotzen der Welt in der sie leben. Dabei sind sie immer auch Kinder ihrer Zeit – wie der Heilige Sebastian. Seine Trotzkraft erzählt von einer Kraft, die sich dem Kaiser widersetzt.

Anders gesagt: Heilige erinnern durch ihr Erzählen und Handeln an Jesus und an das, was er mit seiner Bewegung ausgelöst hat. Eine wirkmächtige Bewegung ist sie - den Ehrennamen “Kirche” trägt sie - und in Heiligen und an heiligen Orten bekommt sie ein eindrucksvolles Gesicht.

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